Home  Biographie Architektur Malerei Kontakt G 78 Karl-Friedrich Gehse Presse: Unverkennbar gehsisch     WAZ Mensch, 17.01.2008, Von Jürgen Boebers-Süßmann Der Künstler, Stadtplaner und Architekt Karl Friedrich Gehse wird heute 70.Er hat im Ruhrgebiet viele Spuren hinterlassen: Seine Häuser sind verspielt, funktional, gemütlich und kühn Mut bewiesen vor 38 Jahren drei damals noch junge Künstler. Weil sie gegen den Abriss der vom Verfall gezeichneten Ruine Haus Witten waren, pinselten sie nächtens einen 30 Zentimeter breiten Strich vom alten Adelssitz an der Ruhrstraße bis zum  ein Kilometer entfernten Rathaus auf die Straße. Stadtamtmann Reinholz war nicht erfreut: Er verdonnerte das Trio zur Zahlung von 696,40 DM Reinigungskosten. Die schrille Aktion, damals sagte man "Happening", rauschte durch den bundesdeutschen Blätterwald, wobei die drei Aktionskünstler griffig zu drei wackeren "Galliern" im Kampf um den Erhalt historischer Bausubstanz stilisiert wurden. Einer von ihnen war Karl Friedrich Gehse. Heute wird er 70. Gehse ist nicht bloß Künstler, vielmehr Stadtplaner und Architekt. Für ihn sind das Leben und die Kultur identische Größen. Und ist nicht gerade die Architektur, die uns täglich umgibt (und prägt), ein hohes Kulturgut, dem man Achtung entgegen bringen sollte? Schon als junger Architekt war sich Gehse dessen sicher. Einer seiner ersten Planungsaufträge war Anfang der 70er Jahre die Sanierung und der Erhalt der historischen Altstädte von Wetter und Herdecke mit ihren krummen Gassen, Fachwerkhäuschen und versteckten Winkeln. Dem der Wiederaufbau-Moderne geschuldeten Kahlschlag-Plänen, die bis in die späten 60er Jahre das Maß der Dinge im Städtebau waren, stellte Gehse sein Konzept einer behutsamen Stadterneuerung entgegen. "Es ging nur noch um Straßenbau und um ein ,Weg mit dem Alten!'. Die historische Bausubstanz sollte keine Rolle mehr spielen. Das konnte so nicht weitergehen", blickt Gehse auf die Jahre des Aufbruchs zurück. Tatsächlich gaben (auch) seine filigranen Tuscheskizzen etwa von Herdecke den Ausschlag für ein Umdenken nicht zuletzt der lokalen Politiker. "Als die Leute meine Zeichnungen sahen, begriffen sie erst, was für ein Schatzkästchen sie mit ihrer Altstadt besaßen." Die Stadtsanierung von Wetter war eine der ersten im Ruhrgebiet, die auf eine Tabula-Rasa-Planung verzichtete. Sie wurde beispielhaft für viele spätere Projekte. Gehse stammt aus Witten, lebt aber seit Jahrzehnten mit seiner Frau Gisela im schönen Bochumer Süden. Nicht nur in Stiepel ist Karl F. bekannt wie ein bunter Hund, vielmehr hat er überall in der Stadt Spuren hinterlassen. Der Golfplatz Im Mailand wurde nach seinen Entwürfen gebaut, die Umgestaltung des Dr.-Ruer-Platzes - zentraler Ort in der Bochumer City - ging ebenso auf seine Konto wie die Neubebauung des historischen Gerberviertels. Leicht gemacht hat es der Baumeister sich und anderen dabei nie. Zumal politisch war der kauzige Karl, obwohl SPD-Mitglied, kaum "auf Linie" zu bringen, Reibereien und Sticheleien gegen seine Parteigenossen in Politik und Verwaltung im ehedem "Roten Bochum" hat er nie gescheut. Planen und bauen konnte er trotzdem. "80 Prozent meiner Entwürfe wurden realisiert",  sagt Gehse stolz. "Keine schlechte Quote." Sein Architekturstil gehört keiner Schule oder Richtung an, und doch sind seine Häuser unverkennbar "gehsisch" - verspielt und funktional, gemütlich und kühn, schlicht und extravagant. "Häuser zu bauen ist, wie wenn man ein gutes Stück Fleisch zubereitet", hat Karl Gehse mal gesagt. "Man kann es schön anrichten oder durch den Fleischwolf drehen." Als Baumeister entschied er sich, um im Bild zu bleiben, fürs fein gekämmte Filet und gegen das grob Gehackte. Schön angerichtet ist auch die Ausstellung, die die Stadt Witten dem Architekten zum Geburtstag ermöglicht. I m Haus Herbede ist während der nächsten vier Wochen eine Übersicht über Gehses Lebenswerk zu sehen. Und heute Abend gibt es im Märkischen Museum Witten einen Empfang zu seinen Ehren. Da werden nicht nur künstlerische Weggefährten und die "Gallier" von damals vorbeischauen, sondern auch seine Gesellen von der "Schlaraffia", der einzigen Verbindung neben seiner Partei, in der der Freigeist Gehse aus Überzeugung Mitglied ist: In diesem skurril-poetischen "Gesellschaftsclub honoriger Herren" fungiert der Künstler Karl als Ritter "Malmawatt".